Aufarbeitung? #02 - Das falsche Team
Aufarbeitung? #02 - Das falsche Team
Nähe statt Neutralität
Ich rede vom Team, von jenen Personen, die der Gemeinschaft nach dem Offenlegungsgespräch vorstehen und die dennoch alles daransetzten, die Situation nicht aufzuklären, sondern zu verwalten, als ginge es um Schadensbegrenzung, nicht um Gerechtigkeit. Es sind Menschen, mit denen ich über Jahre freundschaftlich verbunden war.
Was ich erlebte, hatte mit Barmherzigkeit nichts mehr zu tun. Es ging um institutionelle Interessen, um den Schutz des Apparats, um gezielten Machterhalt. Die ursprüngliche geistliche Dimension war längst überlagert von strategischem Verhalten, das einzig dem Fortbestehen der eigenen Ordnung diente.
Ich möchte in Folgendem zeigen, wie ein System funktioniert, das Täter schützt, durch Absprachen hinter verschlossenen Türen oder durch ein kollektives Wegsehen, das weit über bloße Passivität hinausgeht. Denn das, was hier geschehen ist, war kein Unfall oder tragisches Missverständnis. Und es ist auch kein Mangel an Empathie. Es war das Ergebnis eines Systems, das gelernt hat, sich selbst zu verteidigen und dabei bereit ist, die Wahrheit zu opfern, die Gerechtigkeit zu verschieben und die christlichen Werte zu verraten, auf die es sich öffentlich beruft. Aktiv und in vollem Bewusstsein.
Erst durch meine Veröffentlichung habe ich Kontakt zu weiteren Betroffenen erhalten. Mir wurden von einer Fachperson die „Big Five“ bekannt gemacht, also fünf Personen, die sich sofort als Betroffene zu erkennen geben würden, sobald ich mich öffentlich zu meiner Geschichte äußere. Dabei ist es unerheblich, ob ihre Täter aus dem Umfeld der Gemeinschaft oder aus einem anderen stammen. Tatsache ist: Sie alle haben sexuelle Gewalt erfahren. Und genauso kam es. Diese Erkenntnis hat mich tief erschüttert.
Über Jahre lebte ich in dem Glauben, ein Einzelfall zu sein. Eine tragische Ausnahme, die sich nie wiederholen würde. Heute weiß ich: Das war ein Irrtum, und das war schmerzhaft. Noch gravierender ist jedoch: Die Leitung kennt diese Fälle. Sie wusste, dass es nicht nur mich betrifft. Und trotzdem wurde nichts unternommen, um andere Betroffene vor „meinem“ Täter zu schützen.
Vielleicht ist nicht allen klar, was mit dem Begriff „Schutz der Betroffenen“ konkret gemeint ist. Deshalb hier nochmals verständlich und auf Deutsch: Der Schutz Betroffener sexueller Gewalt bedeutet, dass eine Gemeinschaft innerhalb ihres Verantwortungsbereichs alles dafür tut, dass ein bekannter Missbrauchstäter keinen Zugang zu Kindern oder Jugendlichen erhält und dass er keinen Kontakt zu Menschen hat, die bereits Opfer sexueller Gewalt wurden.
Das ist keine Idealvorstellung. Das ist der absolute Mindeststandard, ethisch, rechtlich und moralisch. Eine Verantwortung, zu der jede Institution verpflichtet ist, unabhängig von ihrem Selbstverständnis, ihrem Glaubenssystem oder ihrer inneren Ordnung. Auch wenn sie an den heiligen Regenwurm glauben sollte.
Wenn eine solche Schutzmaßnahme ausbleibt, ist das kein Versehen und keine Unachtsamkeit. Es ist ein struktureller Akt institutioneller Verantwortungslosigkeit. Und an diesem Punkt geht es längst nicht mehr nur um meine persönliche Geschichte. Hier geht es um Prinzipien. Um universelle Schutzmechanismen, die längst hätten greifen müssen und die in diesem Fall systematisch außer Acht gelassen wurden.
Wenn Täterfreunde Aufarbeitung betreiben
Die Zusammensetzung des sogenannten Aufarbeitungsteams zeigt mit erschreckender Deutlichkeit, wie wenig hier wirklich verstanden wurde. Beide heutigen Gemeinde-Christian wussten und wissen vom Missbrauch. Und dennoch ließen sie den Täter in ihrer Gemeinde gewähren. Sie hielten ihn nicht von Kindern fern, im Gegenteil. Und genau diese Personen sind heute Teil jenes Teams, das offiziell mit der Aufarbeitung betraut ist.
Wie soll ein Team glaubwürdig arbeiten, wenn zentrale Mitglieder selbst in die Vorgänge verwickelt sind? Wenn diejenigen, die über Versäumnisse aufklären sollen, selbst dafür verantwortlich sind? Ein Beschuldigter soll zugleich Aufklärer und Richter sein? Das ist nicht nur widersprüchlich, es ist ein eklatanter Interessenkonflikt. Und im Kern nichts anderes als institutionelle Selbstverteidigung.
Doch noch dazu: Alle Mitglieder dieses Teams stehen in engem familiären Verhältnis zueinander. Sie sind verbrüdert oder verschwägert und dem Täter freundschaftlich sowie im theologischen Sinn „brüderlich“ verbunden.
Ich habe diese Konstellation mehrfach und auch schriftlich kritisiert. Ich habe mich an den obersten geistlichen Leiter der Gemeinschaft gewandt, mit der Bitte, ein unabhängiges Team einzusetzen, ein Team, das nicht durch persönliche Loyalität oder emotionale Nähe belastet ist. Ein Team, das neutral und glaubwürdig arbeiten kann. Die Antwort war ernüchternd: Er arbeite seit vielen Jahren vertrauensvoll mit diesen Personen zusammen.
Das erinnert mich an ein Zitat, das bei der Vorstellung des Freiburger Missbrauchsberichts fiel. Dr. Endres zitierte den damaligen Erzbischof Dr. Saier mit den Worten:
„Über meine Priester lasse ich nichts kommen.“
Offenbar gilt auch hier ein ähnliches Prinzip: Loyalität vor Wahrheit, Verteidigung vor Aufklärung und Nähe zum Täter vor Gerechtigkeit für das Opfer.
Selbstschutz statt Transparenz
Personen, die ich mir als neutrale Begleitung gewünscht hatte, aus meiner Sicht glaubwürdig, integer und unabhängig, wurden konsequent abgelehnt und ausgeschlossen. Offenbar war genau das das Problem: ihre Unabhängigkeit.
Stattdessen bestimmten die Verantwortlichen selbst, wer Teil des Teams ist. Sogar Mitglieder des Kinderschutzteams der Ortsgemeinde wurden gezielt in meinem Zusammenhang aus dem Team entfernt.
Diejenigen, die für die Aufarbeitung verantwortlich gemacht werden, definieren die Spielregeln und kontrollieren gleichzeitig den Prozess. Das ist nicht unabhängig. Das ist struktureller Machtmissbrauch im Gewand der Aufklärung.
Und es zeigt noch etwas: Nicht einmal die eigenen Richtlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch wurden eingehalten, jene, mit denen sie öffentlich werben. Den Praxistest haben sie nicht bestanden.
Ein Konzept, das nicht gelebt wird, ist kein Konzept. Es ist ein Feigenblatt.



















