Ich bin. #07 - Vegebung vs. Innerer Autonomie
Ich bin. #07 - Vergebung vs. Innerer Autonomie

Als es in Gesprächen um meinen Umgang mit dem Missbrauch ging, um meine konsequente Haltung oder um die Aufarbeitung insgesamt, begegnete mir häufig derselbe Satz:
„Man müsse lernen zu vergeben.“
Hier ein kleines Beispiel einer Chat-Nachricht. Ich habe einem Mitglied der Christianer deutlich gesagt, wie ich zu dem Thema stehe, und stellte ihm dann diese eine einfache Frage:
„Findest du es eigentlich richtig, wie die Christianer mit dem Täter, mit mir und mit unserer Familie umgegangen sind?“
Seine Antwort:
„Dazu schreibe ich nichts, sicherlich sind Fehler passiert, aber die Christianer stehen heute ganz anders da wie früher. Du brauchst eine Therapie, das wird dir helfen zu überwinden. Das andere mit den Christianern lässt sich nicht mehr ändern, die Fehler, die getan wurden. Du musst die Sache abschließen und nach vorne gehen. Die Christianer kann man nicht ändern, ich bin auch nicht mit allem einverstanden, wie manches bei den Christianern läuft, aber deshalb bleibe ich trotzdem dort. Man muss selber seinen Weg finden.“
Eine andere Person formulierte es so:
„Du musst vergeben, um loszulassen, damit du dich innerlich von einer Abhängigkeit lösen kannst.“
Bezeichnend ist, dass solche Aussagen ausschließlich aus dem Umfeld der Christianer kommen.
Aber was sagen sie aus?
Sie verschieben die Ursache des Problems. Die Verantwortung wird nicht beim Fehlverhalten der Gemeinschaft oder beim Täter gesucht, sondern beim Betroffenen, bei dessen angeblicher Unfähigkeit, „Fehler zu tolerieren“. Aus der Tat werden plötzlich zwei Defizite des Opfers konstruiert: erstens eine vermeintliche psychische „Unfähigkeit zur Toleranz“, die man therapeutisch behandeln müsse, und zweitens eine angeblich fehlende geistliche Reife, nicht vergeben zu können. Und folgt man dieser Logik weiter, dann wäre ein Kontakt zum Täter kein Problem mehr, der Kontakt des Täters zu Kindern ebenso wenig – und jede Frage nach Verantwortung hätte sich auch erledigt. Das impliziert diese Aussage.
So einfach ist es aber nicht, und es bleibt kompletter Nonsens.
Mit diesem Artikel möchte ich mich besonders an Betroffene richten. Was bedeutet es, wenn man mit solchen Aussagen konfrontiert wird?
In meinem Artikel „Vergebung – was sie ist und was nicht“ habe ich mich bereits mit dem Begriff der Vergebung aus christlicher Sicht auseinandergesetzt. Ich möchte ihn hier dennoch erneut aufgreifen.
Vergebung ist kein Werkzeug der Selbstheilung. Vergebung ist ein Konsens, ein gegenseitiger Prozess. Sie setzt Reue beim Verursacher voraus, Respekt gegenüber dem Opfer und das Empfinden des Geschädigten, dass der Verursacher es ernst und aufrichtig meint. Ist das nicht gegeben, gibt es nichts, worauf man vergeben könnte. Was bleibt also, wenn der Täter keine Reue zeigt? Wenn er einfach weitermacht, als wäre nichts gewesen? Wenn Gerechtigkeit nicht hergestellt werden soll?
Dann geht es nicht mehr um Vergebung. Dann geht es um innere Autonomie – um die eigene innere Freiheit. Darum, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und sich emotional zu lösen von dem, was einen so lange gefangen gehalten hat. Dann ist es Zeit, zu verändern und Konsequenzen zu ziehen. Und dann wird Heilung möglich.
Heilung bedeutet auch nicht, dass alles wieder gut wird. Heilung bedeutet, das Geschehene anzunehmen, es zu integrieren, ohne dass es weiter Macht über einen hat.
Bei mir war es lange Zeit die Angst. Vor allem nachts in meinen Träumen. Und wenn man aufwacht, war die Angst da. Das war belastend, weil ich es nicht kontrollieren konnte. Die Bilder und das Gefühl des Ausgeliefertseins waren jedoch in diesen Momenten sehr real. Es änderte sich, als ich begann, die Vergangenheit als einen Teil von mir selbst zu sehen. Und so wurden die Erinnerungen und Träume wie alte Bekannte. Zwar mit hässlichen Fratzen, ja. Aber letztlich waren sie ein Teil von mir. Und vor mir selbst brauche ich keine Angst zu haben.
Diese Bekannten mit ihren Fratzen können eines übrigens gar nicht: Timing. Und Distanz kennen sie auch nicht. Das musste ich erst lernen und verstehen. Und wenn solche Träume kamen, habe ich mir bewusst Zeit genommen. Ich blieb in diesen Gefühlen, gab ihnen Raum und hörte ihnen zu. Und irgendwann wurde daraus ein stilles Gespräch, und sie wurden mir fast zu Freunden. Mit der Zeit verloren sie allmählich ihren Schrecken – und ich meine Angst.
Heilen heißt also nicht, dass alles verschwindet. Heilen heißt, dass man lernt, damit zu leben und allem einen Platz zu geben.
Doch der erste Schritt zur Heilung ist die Eigenverantwortung. Verantwortung für sich selbst. Nicht zu warten, bis andere etwas tun – sondern selbst die Richtung zu bestimmen.
Und dazu gehört auch dies:
Ich begebe mich nicht mehr in Gefahr. Punkt.
Ich will dem Täter nicht begegnen. Punkt.
Ich möchte auch denen nicht freiwillig begegnen, die mich verraten haben. Punkt.
Deshalb habe ich meinen kompletten Freundeskreis abgesagt. War das ein Verlust? Nein. Ich sage sogar: Ich habe den Verlust meines alten Freundeskreises gewonnen.
Wenn du in einer ähnlichen Situation bist, such dir Hilfe. Vor allem professionelle Hilfe. Und eines ist wichtig: Ein Täterkontakt ist ausgeschlossen. Du kannst keine Therapie beginnen, wenn du weiterhin Kontakt zum Täter hast. Das ist eine Kontraindikation. Das schließt eine Therapie faktisch aus. Und wenn dir eine Gemeinschaft – oder sonst wer – das nicht garantieren kann: Verschwinde. Beat it. Sie verraten dich.
Heilung beginnt dort, wo man beginnt, sich selbst zu schützen. Nicht mit dem Begriff der Vergebung, sondern mit der Verantwortung und Fürsorge für sich selbst. Dort, wo man Kapitän seines Selbst wird und die volle Verantwortung für das eigene Leben übernimmt.



















