Aufarbeitung? #09 - Das traurigste Kapitel
Aufarbeitung? #09 - Das traurigste Kapitel
Alles, was ich erlebt habe, ist ein trauriges Kapitel. Aber es gibt einen Punkt, der alles überragt. Das Traurigste liegt nicht in der Vergangenheit. Es liegt in der Erkenntnis der letzten drei Jahre. Und es zeigt, warum sexueller Missbrauch in unserer Gesellschaft nicht nur vorkommt, sondern bestehen bleibt, weil er stillschweigend akzeptiert wird.
Die gesellschaftliche Blindheit
Wir kennen alle die Zahlen. In jeder Schulklasse sitzen im Schnitt zwei Kinder, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Die WHO spricht pro Jahr, allein was das Hellfeld betrifft, von einer Zahl an Anzeigen, die der Bevölkerung einer Kleinstadt entspricht. Wenn man darüber redet, herrscht Betroffenheit. Für einen Moment. Und dann ist sie wieder verschwunden.
Ich habe meine Geschichte und den Umgang damit im Jahr 2022 öffentlich gemacht. Seitdem waren mehr als tausend Menschen auf dieser Seite. Viele, die mich privat oder beruflich kennen, haben den Text gelesen. Und wenn ich gefragt wurde, habe ich diese Punkte erwähnt:
• dass der Täter innerhalb der Gemeinschaft vollständig rehabilitiert ist,
• dass die Gemeinschaft behauptet, seine sexuelle Neigung sei geheilt,
• dass er nicht öffentlich benannt wurde und die Gemeindemitglieder offiziell nicht wissen, um wen es sich handelt,
• dass im Sportverein nie nach weiteren Vorfällen gefragt wurde,
• dass er bis heute über 2000 Profilen folgt, darunter weiterhin Kinder und Jugendliche, und seine über 700 Follower fast ausschließlich aus dem Umfeld der Christianer stammen,
• und dass er sich weiterhin frei im Umfeld weiterer Betroffener bewegt.
Was niemand fragt
Und was mir so an Fragen begegnet sind:
Geht´s wieder?
Wo warst du so lange?
Ich habe gehört, du warst krank.
Oder man geht gleich in den Angriff über und versucht mich in irgendeiner Weise zu maßregeln. Das ist auszuhalten und gehört dazu.
Was jedoch kaum auszuhalten ist, ist die Erkenntnis, die sich durch alle Begegnungen zieht:
Kein einziger Mensch mit Einfluss oder Verantwortung, wirklich keiner, hat mich gefragt, ob das, was ich öffentlich berichtet habe, tatsächlich stimmt. Nicht ein Einziger wollte wissen, ob ich es belegen kann. Ob ich übertreibe oder ob es frei erfunden ist.
Und das Erschreckende ist: Es spielt keine Rolle, wie die Antwort ausgefallen wäre. Entscheidend ist, dass die Frage nicht gestellt wurde.
Denn wer fragt, müsste sich der Antwort stellen, und wer sich der Antwort stellt, müsste eine Haltung einnehmen. Und wenn er hört, dass sich ein Täter unter dem Schutz einer Gemeindeleitung frei unter Kindern aufhalten kann, müsste er nachhaken und Verantwortung übernehmen, auch dann, wenn es um Menschen geht, mit denen man beruflich zusammenarbeitet oder von denen man es sich nicht vorstellen kann. Also wird nicht gefragt.
Die eigentliche Tragödie
Unter den Menschen, die meine Geschichte kennen und genau wissen, wer mit Christianer gemeint ist, sind Lehrkräfte, Ärztinnen, Mitglieder von Gemeinderäten, Erzieherinnen, Pflegekräfte, Mitarbeitende von Jugendämtern und Personen aus der Ökumene oder kirchlichen Dachverbänden. Menschen also, die beruflich Verantwortung für Kinder tragen.
Dass aus den Reihen der Christianer niemand fragt, ist dem ideologischen Druck geschuldet und auf eine Weise nachvollziehbar. Doch außerhalb dieses Umfelds gab es nicht einen einzigen Moment der Irritation, keine Nachfrage und kein Bedürfnis nach Klärung. Betrifft ja niemand, könnte man meinen.
Ich sehe aus meiner Sicht noch einen weiteren Grund:
Wie ich schon mehrfach gesagt habe, benötigt ein Missbrauchstäter ein Umfeld, das ihm günstige Bedingungen verschafft. Wenn in jeder Klasse zwei Kinder betroffen sind, dann gibt es auch mindestens zwei Täter. Und wenn man das unterstützende Umfeld dazurechnet, ergibt sich eine erschreckende Zahl an Personen, die durch ihr Schweigen aktiv mitwirken.
Ich glaube, dass dies ein Grund ist, warum viele so schnell verschwinden, sobald auch nur eine kleine Lampe angeht.
Wir fragen uns, warum die Zahlen steigen?
Solange die Gesellschaft hinnimmt, dass Gemeinschaften Standpunkte vertreten, die mit Wissenschaft nicht vereinbar sind. Solange akzeptiert wird, dass Leitungspersonen Missbrauchstäter auch nur in die Nähe von Kindern lassen. Solange man hinnimmt, dass Leitungspersonen Missbrauchstäter wissentlich im Kontakt mit weiteren Missbrauchsopfern lassen. Und solange wir Personen als Verantwortliche für die Aufarbeitung betrauen, die sich entschuldigen mit Sätzen wie: „Ich habe es ja nicht persönlich gesehen“ oder „Ich hatte keine Detailinformationen“, solange bleibt diese Doppelmoral bestehen.
Und wenn dann noch der religiöse Überbau hinzukommt, steigert sich diese Doppelmoral zu einer scheinheiligen Doppelmoral.
Ich hätte es nicht für möglich gehalten. Aber die Erkenntnis, dass Missbrauch so offen verteidigt wird, ist fast nicht zu ertragen. Im Fußball wird ein Schiedsrichter suspendiert (Stern 11.11.2024) umgehend suspendiert, weil er einen Trainer beleidigt hat. Und bei Missbrauch?
Es gibt Dinge, bei denen genügen Entschuldigungen um einen Sachverhalt zu befrieden. Aber es gibt auch Bereiche, in denen wir von Disqualifikation sprechen müssen. Dass ein Missbrauchstäter nichts mehr mit Kindern zu tun haben sollte, sagt der gesunde Menschenverstand. Doch ebenso müssen wir über die Disqualifikation jener sprechen, die von einem Missbrauchstäter wissen und ihn dennoch in die Nähe von Kindern lassen.
Das Problem ist die Akzeptanz ihrer Gefolgsleute und der fehlende Druck von denen, die sich für Opferschutz und Missbrauchsprävention einsetzen. Ich bin sicher, dass viele diese Ansicht nicht teilen.
Ich bin mir auch sicher, dass Menschen, die sich für Kinder und Jugendliche einsetzen, nicht nur für Missbrauchsopfer, diese Haltung nicht teilen. Ich glaube, dass sie mir zustimmen würden, dass es notwendig wäre, dass Personen, die im Verdacht stehen, Täter zu schützen, aus Leitungspositionen vorläufig entfernt werden müssten. Dann kann man in Ruhe prüfen. Und wenn sie es aussitzen wollen, sollen sie das tun, aber eben nicht in verantwortlicher Position als Gemeindeleiter oder Vorstandsmitglied und nicht in der Nähe derer, die Schutz brauchen.
Die Herangehensweise finde ich richtig, die beim Missbrauchsskandal des SOS Kinderdorf in Österreich gewählt wurde. Es ist ein notwendiger erster Schritt, wenn eine Organisation wie das SOS Kinderdorf bei einem Verdachtsmoment eines unsachgemäßen Handelns in Verbindung mit Pädophilie konsequent und ohne Verzögerung handelt.
Dazu zitiere ich aus einem offiziellen Bericht des SOS Kinderdorf Österreich vom 4.10.2025:
Der Aufsichtsrat von SOS Kinderdorf hat in Absprache mit Christian Moser beschlossen, ihn bereits jetzt von allen Geschäftsführungstätigkeiten zu entbinden und ihn dienstfrei zu stellen, bis die Ergebnisse der Reformkommission vorliegen. "Für den Aufsichtsrat ist klar: Kinderschutz, Transparenz und Aufarbeitung haben absolute Priorität", erklärt Irene Szimak, Vorsitzende des Aufsichtsrats von SOS Kinderdorf Österreich.
Genau diese Konsequenz braucht es, wenn es um Aufarbeitung und Prävention geht. Wenn Menschen, die sich über viele Jahre falsch verhalten haben sollten, weiterhin der unkritischen Loyalität ihrer Umgebung sicher sein können, wird sich Missbrauch niemals eindämmen lassen.
In der Kleinen Zeitung Österreich lese ich am 31.10.2025 dazu folgende Schlagzeile und den zugehörigen Artikel:
Konsequenzen in Kärnten
SOS Kinderdorf Skandal: Land stellt Kinder und Jugendhilfe neu auf
Neo Landesrat Peter Reichmann (SPÖ) kündigte am Freitag eine „umfassende Strukturreform“ an. Details sollen in spätestens zwei Wochen präsentiert werden.
Zumindest hat sich hier schon einmal der Blick in die richtige Richtung bewegt. Jetzt braucht es sichtbare Veränderung. Doch leider ist das kollektive Gedächtnis oft kürzer als die angekündigte Zeitspanne.
Im Missbrauchsskandal des SOS Kinderdorf wird die Dimension des Kindesmissbrauchs deutlich sichtbar. Missbrauchsvertuschung kostet Geld. Eine der offenen Fragen in diesem Skandal ist, ob Herr Kuntis einem Großspender, trotz Kenntnis von dessen pädophiler Neigung Zugang zu den Kindern in Nepal gewährt hat. Wir sehen: Wo Geld im Spiel ist, verstärken sich Missbrauch und Vertuschung, und die Eindämmung wird immens schwierig.
Ich lese in einem Artikel des NTV zum Thema SOS Kinderdorf vom 04.10.2025 folgendes Zitat:
„Es ist leider nicht der erste Fall der Organisation, die als Ziel hat, benachteiligten Kindern zu helfen.“
Die Augen sind groß und das Bedauern noch größer. Dieser Vorwand, sich für Kinder einzusetzen und sie dann zu missbrauchen, ist das Widerwärtigste, was man sich nur vorstellen kann. Aber Missbrauch bleibt bestehen, weil Menschen wegsehen, selbst dann, wenn sie alles wissen.
Und genau deshalb ist dieses wohl das traurigste Kapitel.




















